CD Kritik von Dr. Morbach, Kultur Radio Berlin, Ausstrahlung Donnerstag, 01.12., 13.30 Uhr


»Im 23. Jahr ihres Bestehens führen Corvus Corax – die Vorreiter der mittelalterlichen Musik in der Neuzeit – den Hörer auf eine Reise durch die mittelalterlichen Kulturen Nordeuropas. Keltische Poesie und Tänze aus dem 7. bis 12. Jahrhundert sowie Lieder der Wickinger spannen einen Bogen von Island über Irland bis nach Skandinavien und legen Zeugnis ab vom Leben nördlich des einst von den Römern besetzten Europas« – heißt es im Booklet-Text, wobei man sich natürlich fragt, woher die Quellen stammen. 

Noten sind – wenn überhaupt – erst aus späteren Jahrhunderten tradiert. Aus solchen (aber welchen?) Quellen scheint C. C. geschöpft zu haben, wobei sich jedoch insgesamt durchaus eine »nordische Anmutungsqualität« ergibt. Bei den Texten, deren Geschichtlichkeit man stillschweigend unterstellen mag, begegnen einander, gälische, altnordische, dänische und ein englischer. Das Booklet liefert keine Übersetzungen – was man bedauern mag. Aber die primäre Zielgruppe dieser Musik (Gotic-, Metal-, Pagan Metal-Szene) verbindet mit dem Hören solcher Musik kaum philologische Ambitionen. Darüber hinaus findet man auf der Corvus-Corax-Website einen Text mit einigen Informationen zu den einzelnen Liedern (siehe unten).

Um zur Musik zurückzukehren: Was das Gesamtklangbild betrifft, so dürfte die kompositorische Eigenleistung des Ensembles bei stattlichen 95 % liegen. Aber gerade hier kann man höchst Bemerkenswertes, für C. C. geradezu »Unerhörtes« vernehmen, denn das Klangbild ist durch ein Höchstmaß an Differenzierung gekennzeichnet. Wenn man solch archaische Instrumente verwendet wie Corvus Corax (gottseidank verzichtet man nach wie vor auf digitale Tonerzeuger), ergibt sich aufgrund des eingeschränkten Tonvorrats (bes. der Sackpfeife) notwendigerweise eine reduzierte Beweglichkeit im melodischen und harmonischen Bereich. Aber ihr vermag das Ensemble – wie in keiner CD bis jetzt – mit unterschiedlichen »Maßnahmen« zu begegnen: Klangfarbenkontraste, dynamische Variabilität, melodische Varianten, Tempo-Variabilität usw. Die musikalische »Ur-Power«, wie man sie von C. C. kennt, wird dadurch nicht geschmälert, vielmehr erfährt sie eine ästhetische Differenzierung, wodurch nun endlich auch viel mehr »klassisch-trainierte Ohren« auf C. C. aufmerksam werden dürften: etwas weniger Mittelalter-Markt-, aber etwas mehr Konzert-Atmosphäre: man kann auf die weiteren Veröffentlichungen sehr gespannt sein.

»Das Titelstück "Sverker" handelt vom Gang des Schwedenkönigs Sverker II. zu seinem dänischen Kontrahenten, dem er die Folgen des Krieges ins Gewissen ruft und zur Abwendung dessen in einen Waffenstillstand einwilligt: "Denn nehmen die Ritter ihr Schild und Schwert // Dann weinen so viele." Musikalisch trifft hier die keltische Harfe auf wehklagende Dudelsackthemen, Riesendrehleier und schleppende Trommelrhythmen.

Deutlich fröhlicher geht es in dem keltischen Lied „Fiach Dubh" zu: der Frühling ist da, und ein Rabe ruft nach dem Erwachen des Lebens. Ein interessantes Wechselspiel zwischen dur- und mollverwandten Tonarten sorgt für Abwechslung, so dass zu diesem Stück die ganze Nacht hindurch getanzt und gefeiert werden darf.

"Schlafen kannst du, wenn du tot bist, also genieße das Leben in vollen Zügen" lautet das Credo jedes echten Spielmannes. Die Wikinger sahen das wohl genauso, und so fühlen sich CORVUS CORAX mit ihnen im Stück "The drinking, loving Dancers" wohl am engsten verbunden. Obwohl inhaltlich und musikalisch "typisch CORVUS CORAX", stellt das Lied dennoch eine Besonderheit dar: das ursprünglich altnordische Stück wird auf englisch vorgetragen, und überrascht obendrein mit einem dazugehörigen deutschsprachigen Chorus. Klare Sache: dieses Stück ist der Livekracher schlechthin auf "SVERKER".«





Corvus Corax im Film "Die Rache der Wanderhure"